Erstaunlich und teuer: Die neue Hattersheimer Webseite

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Die neue Webseite ist da. Nach drei Jahren Vorbereitungszeit und für 47 000 EUR ist sie nun fertig gestellt und an den Start gegangen: Eine neue Hattersheimer Webseite.  Wir haben uns die neue Seite angeschaut und haben Erstaunliches herausgefunden.

Der Mouse- Klick auf den neuen Webauftritt  lässt  Bürgermeisterin Kösters Konterfei unübersehbar zentral auf der der Eingangsseite erscheinen, die farbliche Gestaltung der Seite schlicht: weiß und rot - ähnlich wie das "Look and Feel" der Homepage der SPD Hattersheim.

Wesentliche Verbesserungen haben wir nicht feststellen können. Das erhoffte Ratsinformationssystem fehlt, eine Downloadmöglichkeit für Formulare gibt es leider nicht. Positiv ist der "Mängelmelder" mit dem wir Bürger per Kontaktformular auf Missstände hinweisen können.
Ansonsten unterscheidet sich die neue Webseite funktional nur unwesentlich von der alten Webseite.

Umso erstaunlicher ist der Preis für den Online-Auftritt: Rund 47 000 EUR soll er gekostet haben, wie die  Frankfurter Rundschau in ihrer Ausgabe vom 11. Mai berichtet.  Eine stolze Summe, wenn man bedenkt, dass Hattersheim notorisch klamm ist, unterm Schutzschirm steht. Immerhin gibt sehr gute, bedienerfreundliche Freeware auf dem Markt, also völlig kostenlose Software. Und selbst individuell gestaltete Webauftritte sind mit Kosten im 4-stelligen Bereich schon gut bezahlt.
Aber vielleicht ist eine kostenlose Freeware nicht geeignet für einen solchen neuen Internetauftritt der Stadt:
Ein Blick in die Seiteninformationen von hattersheim-stadt.de hilft hier weiter: Hier findet sich der Hinweis auf die verwendete Software: "Contao Open Source CMS"

Hier handelt es sich also um Software, die kostenlos von jedem geladen werden kann.
"Contao ist ein beliebtes, kostenloses Content Management System mit dem Sie Ihre Webseite einfach selbst pflegen und erweitern können", so beschreibt ein Webstudio die Software (http://www.ena-webstudio.com/ueber-contao.html)

Das bedeutet natürlich nicht, dass auch jeder fähig ist, aus dem kostenlosen Download eine funktionierende Webseite zu gestalten. Hier braucht es also eigenes Know-How, oder einen Dienstleister. Es gibt ein ganzes Netzwerk von solchen Dienstleistern, die sich auf Contao spezialisiert haben. Interessant ist, welche Preise diese Anbieter für die Erstellung solcher Contao-Webseiten verlangen:
Hier einige Beispiele:

Bei Print-und Webdesign Oliver Libbertz gibts den Contao-Auftritt ab 649 EUR.

Nick Net bietet die teuerste Variante, das Business CMS XL, mit allem Komfort für 2650 EUR.

Ein schönes Beispiel bietet goatweb: Die teuerste Variante der Festpreispakete liegt bei 2500 EUR für das Professional Paket. Zu den Stundenhonoraren schreibt der Webdesigner Sascha Ersel." Die meisten Preise von Webdesignern und kleinen Agenturen in Berlin bewegen sich zwischen 40 – 65 EURO pro Stunde (persönliche Erfahrung)." Zu den Referenzen von Ersel zählt auch der Internetauftritt des Bundesinstituts für Risikobewertung -eine wirklich mächtige Seite mit vielen Featuers.

Natürlich gehts auch teurer - etwa das Komplettangebot bei juke media:
"Unternehmenswebseite mit Logo, Visitenkarten, Briefpapier zum Komplettpreis von 4750,00€ inkl. 19% Mwst. (=3999,00€ zzgl. 19% Mwst.)"

5. Beispiel:

  • Eine Webseite für eine kleine Firma (mit einfachem Leistungsportfolio):
    Beratungsgespräch (im Raum Berlin/Brandenburg, für weitere Entfernungen fällt eine zusätzliche Reisepauschale/Tag an), Konzeption, individueller Layoutgestaltung und technischer Umsetzung mit dem Content Management System Contao;
    ab 3500 Euro*
  • Eine Website für eine größere Firma/Organisation (mit komplexem Leistungsportfolio bzw. spezielleren Anforderungen):
    Leistungen siehe „Website für eine kleine Firma“, nur wesentlich detailierter und zeitlich aufwändiger aufgrund der höheren Anforderungen an die Website;
    ab ca. 8000 Euro*

Ein anderer Designer schreibt: "Eine Contao installation dauert inkl. Server anmieten ja nicht mal eine Stunde. Wenn der Kunde Designvorstellungen, Farben, Texte schon zurecht gelegt hat und keine extra Programmierarbeiten möchte, wofür sollte ich dann viel Geld nehmen?"

Ebenfalls eine Designerin aus dem Contao Netzwerk berechnet 35 EUR Stundensatz .

Oha. Da offenbart sich ein gewaltiger Preisunterschied zu den angebenene Kosten von 47 000 EUR für die Webseite hattersheim-stadt.de
Als Macher der Seite beschreibt die Frankfurter Rundschau die beiden Designer Andreas Malter und Marc Heislitz, auf der Homepage selbst ist als "Programmierer" ebenfalls Heislitz, als Designer Mathias Franjisic angegeben. Haben die Programmierer und Designer tatsächlich von  klammen Stadt für die Installation und das Design einer kostelose Freeware, die bei anderen Anbietern zwischen 300 und maximal 8000 EUR kosten, 47 000 EUR abverlangt?

Vielleicht muss die Rechnung anderes aufgezäumt werden, nicht über Fixpreise, sondern über Arbeitsstunden. Wieviele Stunden sind wohl notwendig? Die Webdesign -und Internetagentur Pixoleo gibt dazu Auskunft:
Sie rechnet für eine komplette Neuerstellung, inklusive aller Beratungsgespräche, inklusive der Erstellung eines individuellen Layouts und Zusatzmodule, einen Aufwand von 65 bis 75 Arbeitsstunden. Die Auswahl aus einem Katalog vorgefertiger Designs ist wohl weniger aufwendig, als die tatsächlich Erstellung eines individuellen Layouts. Aber rechnen wir trotzdem mal mit 60 Arbeitsstunden, dann ergibt sich eine erstaunliche Rechnung:
47 000 EUR Gesamtpreis
          0 EUR Software
          0 EUR  Registierungskosten Denic (Ist bereits im Hostingpreis von All Inkl inbegriffen)
      300 EUR Hostinkosten pro Jahr  bei All Inkl

ergibt 46 700 EUR geteilt durch angenommene 60 Arbeitsstunden: 767 EUR Stundenlohn!

Ist das ein verspäteter Aprilscherz?  47 000 EUR für eine Webseite - zufällig? im Look and Feel der SPD-Seite - ohne wesentliche funktionale Verbesserungen zur vorherigen Webseite, basierend auf kostenloser Software? Wir sind fassungslos. Wenn Hattersheim im Geld schwimmen würde - wenn...dann wäre diese Fragestellung sicher nicht so brisant. Doch Hattersheim muss an allen Ecken und Enden sparen. Da ist es eben nicht egal ob mal eben das 10 bis 100 -fache ausgelegt wird.

Das Beste zum Schluss:

Wem gehört nun eigentlich diese superexklusive neue Webseite, die unter der Internetadresse hattersheim-stadt aufrufbar ist?
Denic gibt Antwort: Domaininhaber ist Antje Köster, Admin C ist ebenfalls Antje Köster.
Zwar ist unter dem  Eintrag des Domaininhabers und des Administrativen Ansprechpartners auch als Organisation "Der Magistrat der Stadt Hattersheim" eingetragen, Hierzu muss man aber Folgendes wissen:

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten:
Als Domaininhaber kann eine natürliche Person, oder eine juristische Person angegeben werden.
EIne juristische Person wäre etwa der Magistrat der Stadt Hattersheim. Damit wäre dann also auch die Webseite im Eigentum der Stadt Hattersheim. Bei einer Eintragung einer juristischen Person darf aber nicht gleichzeitig ein Ansprechpartner als Domaininhaber eingetragen sein. Hier aber ist als Domaininhaber Antje Köster eingetragen. Dieser Eintrag zählt, somit ist der Inhaber der Seite keine juristische Person, sondern die natürliche und Privatperson Antje Köster (http://www.denic.de/domains/allgemeine-informationen.html)

Außerdem: Sofern der Domaininhaber eine natürliche Person ist, dann darf er sich auch gleichzeitig zum Admin C ernennen. Gneauso wie es im Falle der Webseite hattersheim-stadt der Fall ist. Antje Köster ist Domaininhaber und Admin C in einer (natürlichen) Person.
Es handelt sich demnach also nicht etwa  um die Internetseite der Stadt Hattersheim, sondern um die Internetseite von Antje Köster. Als  Domaininhaberin ist sie die sogenannte "materiell Berechtigte", steuerrechtlich ist ihr somit auch der  Domainname als  "immaterieller Vermögenswert" zuzurechnen. 
Dass Antje Köster Inhaberin und Admin C gleichermaßen ist, bedeutet auch: eine Änderung der Webseite, oder eine Übertragung auf einen anderen Inhaber, ist ohne ihre ausdrückliche Zustimmung nicht möglich.
Hierzu heißt es auf der Seite domain-recht: "Der Admin C ist also vollumfänglich berechtigt, mit der Domain zu schalten und zu walten. Er ist aber nicht der Inhaber der Domain, es sei denn, Inhaber und Admin C wären die selbe Person, was bei privaten Domains die Regel ist.
Wir haben uns mal auf den verschiedenen Webseiten im Main Taunus Kreis und Frankfurt umgeschaut. Wir haben keine einzige Webseite gefunden, bei der sich der amtierende Bürgermeister das Domainrecht gesichert hat, oder als Admin C eingetragen ist. Dies ist einmalig für Hattersheim.

So stellen wir uns schließlich die Frage: Hat die Stadt Hattersheim aus dem städtischen Etat  tatsächlich 47 000 EUR  für die Webseite von Antje Köster bezahlt? Wird die Belegschaft der Stadt Hattersheim tatsächlich für die Pflege der Webseite von Antje Köster abgestellt?

 


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Kommentare

Bürgermeisterin lenkt ein

Der öffentliche Druck schien dann doch wohl zu groß geworden zu sein: Bürgermeisterin Köster gibt am Montag Ihre Besitzrechte an der neu geschaffenen Domain hattersheim-stadt.de an den rechtmäßigen Inhaber, den Magistrat der Stadt Hattersheim zurück. 

Neuer DENIC Eintrag für städtische WebseiteMit Wirkung vom 18.05.2015 ist nun die Stadt Hattersheim wieder Eigentümer der neuen städtischen Domain und der Pressesprecher Stefan Käck nun als verantwortlicher Admin bei der deutschen Vergabestelle für Internet-Domains DENIC eingetragen

Insoweit ist in Bezug auf die Eigentumsverhältnisse zunächst einmal Klarheit geschaffen worden. Noch offen bleibt sicher die Frage, wieso ein Magistrat in Eigenregie hier exorbitante Beträge an Steuergeldern für eine kostenlose Software ausgibt. 

Es wird sicher Aufgabe der gewählten Bürgervertreter sein, die Vergabe dieses Auftrages anhand der entsprechenden Ausschreibungsunterlagen und der (hoffentlich) vorliegenden Vergleichsangebote zu überprüfen.

By JuergenHofmann